Glas

„Feuerlöschschaden“ an einer römischen Glasscherbe

„Feuerlöschschaden“ an einer römischen Glasscherbe aus einem bustum-Brandgrab: Rissmuster durch Abschrecken rotglühenden Glases mit kalter Flüssigkeit.

Ob frühmittelalterliches Glas aus Südwestdeutschland im Gipsblock, emailliertes Glas des 17. Jahrhunderts oder Glas à la façon de Venise: Die Herausforderung bei der Bandbreite an Glasobjekten bestand darin, dessen unterschiedliche Erhaltungszustände und Schadensbildern zu erfassen und zu bearbeiten. Für uns bedeutete dies neben kulturhistorischen und herstellungstechnischen Auseinandersetzungen, die Dokumentation und Konzepterstellung für die Konservierung und Restaurierung von doch sehr unterschiedlichen Gläsern und deren aufgetretenen Schäden. Eingebettet in ein vielfältiges Lehrprogramm werden Herstellung und Aufbau von Materialien, ihre historisch-geographische Verwendung, ihr Zerfall und mögliche Erhaltungsmaßnahmen entsprechend weit gefächert unterrichtet.

Stark vergilbte Klebstoffreste an einer frühmittelalterlichen Glasschale aus Hemmingen (Kr. Ludwigsburg)

Stark vergilbte Klebstoffreste an einer frühmittelalterlichen Glasschale aus Hemmingen (Kr. Ludwigsburg)

Nach der Objektvergabe zu Beginn des Semesters bildet ein ein- bis zweiwöchiges Seminar zu grundlegenden und aktuellen Restaurierungs- und Konservierungsmethoden den Einstieg in die Semesterthematik. Durch die Vermittlung von Herangehensweisen und Arbeitsabläufen wird uns die „Scheu“ vor dem originalen Objekt genommen.

Neben der Reinigung, Klebung/Konsolidierung und ggf. ergänzenden Maßnahmen ist die fotografisch-dokumentarische Begleitung der Arbeitsschritte unabdingbar. Darüber hinaus stellen Untersuchungsmethoden, wie die FT-IR Analytik von Materialien früherer Restaurierungen, eine wichtige Unterstützung zu einer angemessenen Bearbeitung der Objekte da. Beispielsweise konnte an einer frühmittelalterlichen Glasschale, die Zusammensetzung eines bereits in den 1970er Jahren verwendeten Klebstoffes ermittelt werden. Dabei handelte es sich um ein gealtertes und unlöslich gewordenes Epoxidharz, welches durch seine starke Gilbung und Porosität sowohl das Aussehen der Glasschale störte als auch einen ausreichenden Zusammenhalt der Fragmente nicht mehr gewährleistete. Durch die Analyse konnte ein entsprechendes Lösemittel zur Quellung und Entfernung der stark vergilbten Klebstoffreste ermittelt werden. Die Quellung dieser erfolgte anschließend in einer geschlossenen Lösemittel-Dampfatmosphäre, sodass die Fragmente voneinander gelöst und die Bruchflächen gereinigt werden konnten. Ein erneutes Zusammenfügen und Kleben der Fragmente wurde somit ermöglicht.

Kuttrolf nach der Bearbeitung

Kuttrolf nach der Bearbeitung

An einem weiteren Objekt – einem Scherzglas des 17. Jahrhunderts – traten ebenfalls alte Klebungen auf. Sie stellten jedoch keine so große Herausforderung dar, da sie wasserlöslich waren. Die Hauptaufgabe lag hier vielmehr darin, dass zerbrochene Gefäß wieder zusammenzufügen, obwohl einige Scherben im Laufe der Jahre verloren gegangen waren. Soll ergänzt werden? Oder doch besser eine Stützkonstruktion erdacht werden? Letztendlich konnte im Inneren des Gefäßes eine Stützkonstruktion aus Plexiglas angebracht werden, die von außen kaum zu sehen ist. In solchen Fällen hilft oft der Austausch mit den zuständigen Museen und den dortigen Restauratoren und Kuratoren.

Die Vielseitigkeit an Objekten und Materialien mit unterschiedlichen Erhaltungszuständen und Schadensbildern ermöglicht uns eine breit gefächerte Ausbildung im Umgang mit verschiedenen Problemen und Fragestellungen, welche wir abschließend als Konzept- und Ergebnisdokumentation schriftlich festhalten.

Restaurierung wird nicht nur auf wissenschaftlicher Grundlage vermittelt, sondern auch durch neue Erkenntnisse vorangetrieben. Gerade die Arbeit an und mit originalen Objekten lässt uns Studierende auf spannende Aspekte stoßen, die im weiteren Verlauf des Studiums zu einem Forschungsprojekt heranwachsen können. Beispielsweise sind kürzlich an zwei frühmittelalterlichen Glasobjekten besondere Glasbruchmuster entdeckt worden, die für folgende Generationen einen Ansatzpunkt für weitere Forschung bieten

Thea Schuck und Katja Siebel