Leder

Objekt im Vorzustand, Ansicht Vorderseite

Objekt im Vorzustand, Ansicht Vorderseite

 

Passend zu den Werkstoffkunde-Vorlesungen zum Thema  „biogene Materialien“ war die Werkstattpraxis in meinem fünften Fachsemester ganz auf die Behandlung von Leder und lederähnlichen Materialien ausgelegt. Für uns Bachelor-Studierende bedeutete das: Arbeit mit Kompositobjekten aus den Beständen verschiedener Museen. Auf meinen Tisch kam u.a. eine hölzerne Truhe mit Lederbespannung. Das auf den ersten Blick unscheinbare Stück hielt doch einige Problem- und Fragestellungen für mich bereit, die es im Laufe des Semesters zu lösen galt.

Die Oberfläche der Truhe war neben einer losen Staubschicht teilweise stark mit weißen Anhaftungen verunreinigt. Außerdem waren Rückstände eines früheren Insektenbefalls in Form von Kokons und Exkrementen zu erkennen. Vom Holzkorpus konnte sich ein längerer Span abheben, der abzubrechen drohte.

Vor der Behandlung von Lederobjekten ist es häufig notwendig Aussagen über deren Empfindlichkeit gegenüber Wasser treffen zu können. Dies kann über die Ermittlung der Schrumpfungstemperatur geschehen. Hierfür musste ich eine Mikroprobe in Form einer Lederfaser von der Bespannung nehmen. Es gilt: Je geringer die Schrumpfungstemperatur, desto empfindlicher ist ein Objekt gegenüber Wasser. Da das Leder der Truhe eine sehr niedrige Schrumpfungstemperatur aufwies, war beispielsweise an eine feuchte Reinigung nicht zu denken.

Außerdem war mithilfe von Spottests zu untersuchen, ob es sich bei den weißen Anhaftungen um Pestizide handelte. Gerade bei organischen Materialien kamen in der Vergangenheit häufig diverse Mittel zur Schädlingsbekämpfung zum Einsatz. Diese stellen für die Mitarbeiter im Museum und vor allem den behandelnden Restaurator ein hohes Gesundheitsrisiko dar und sollten daher möglichst gründlich entfernt werden. Mit weichem Pinsel und mit einer mit Spezialfilter ausgestatteten Saugvorrichtung wurden loser Staub und weiße Anhaftungen von der Oberfläche entfernt. Bei den Arbeiten trug ich als zusätzlichen Schutz eine Atemmaske.

Auch die Rückstände des Insektenbefalls mussten von mir entfernt werden, da diese Lockstoffe enthalten, die weiteren Schädlingen die Existenz eines Nahrungsvorkommens signalisieren. Zuletzt war noch der Holzspan wieder am Korpus zu befestigen. Hierfür wählte ich einen Acrylharz-Klebstoff, dessen Alterungsstabilität nachgewiesen ist und der auch nach längerer Zeit noch reversibel ist.

Für den gesamten Arbeitsablauf und den Lernerfolg von großem Nutzen waren neben der begleitenden Vorlesung auch Seminare mit Theorie und Praxis sowie Besprechungen mit Frau Fischer – unserer Werkstattleiterin – und Frau Frankenhauser – Restauratorin am Linden-Museum in Stuttgart.

Marian Schüch

Holztruhe mit Lederbespannung

Holztruhe mit Lederbespannung

 

weiße Anhaftungen, Deckel vorne links

weiße Anhaftungen, Deckel vorne links